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Verzweiflungstat zum Wochenende

Verfasst: 8. Sep 2007 17:32
von Annari
Vielleicht kennt das der oder die eine oder andere von Euch: wenn der große Weltschmerz kommt, die eine oder andre Methode her muss, um ihn gezielt zu verdrängen bzw. erfolgreich zu verleugnen. Man setzt die große Sonnenbrille auf, dass die Krokodilstränen nicht zu sehen sind, setzt sich in den Zug, durchfährt das Tor zur Welt und bevisitet Hamburg, macht Party, geht unter Leute, betäubt den Schmerz mit Alkohol und viel zu lautem Gelächter oder veranstaltet nen Picknick im Wald.

Schlachtet nen schwarzen Hahn, macht nen Feuerchen, lässt die Knochen vom Winde verwehn, liest daraus, schaut in die Baumwipfel, Äste, Zweige, Blätter, die sich sanft vom Wind hin- und herwiegen lassen und irgendwann wenn die Dämmerung über die Hügel kriecht, die Sonne in den Mond eintaucht und Nacht hereinbricht, macht man sich wieder auf den Heimweg, der dann irgendwann ins Stocken gerät.

Die Bahn bleibt stehn. Alle müssen raus. Warum?! Samstag Nacht und ein Mädchen hat sich von der Brücke gestürzt. Sie wurde noch fest- und zurückgehalten, war aber nich mehr zu halten und zu bremsen. Sie stürzt runter und fällt auf die Hochspannungsleitung, zuckt wie nen Zitteraal und bleibt irgendwann kohlrabenschwarz, d.h. angesengt und verbrannt liegen.

Ich könnt heulen. Ich mein, warum machen das junge Mädchen? Ist ja nich so, dass nich jeder Mensch schon mal vom großen Lähmer, dem Weltschmerz, der Hoffnungslosigkeit, Sinnlosigkeit und Inhaltsleere gepackt worden wäre und alles so zum Kotzen oder sterbenslangweilig, verzweifelt hoffnungslos empfunden hätte oder weder privat noch beruflich ne Perspektive für sich gesehen hätte. Ich weiß nich, warum sich das Mädel just zu dieser Stunde in der Minute da runter gestürzt hat, aber ich fänds, wenn ich den Grund wüsste vielleicht verständlich, aber inakzeptabel feige. Ich mein, es gibt soviele Arten mit den kleinen und großen Ungerechtigkeiten, die man so erfährt umzugehen, da muss sowas doch zu verhindern sein.

Ich mein, jetzt kann man sowieso nichts mehr machen. Aber die Frage, die das Mädel wahrscheinlich dazu getrieben hat, nämlich "warum", um zu dem "Warum nicht (von der Brücke springen?) gekommen zu sein, konnt ich mir auf die Schnelle nicht beantworten. Ich find das alles so A-sozial.

Warum bringen sich junge Menschen um? Kann mir das jemand sagen? (Ich hoff, die Frage ist besser, d.h. verständlicher formuliert als so manche Prüfungsfrage)

Gruss
Annarhi

Verfasst: 11. Sep 2007 01:10
von Body & Brain
gelöscht!

Verfasst: 11. Sep 2007 06:41
von Annari
Cyco, du bist im Grunde ja auch nen starker Typ, d.h. eigentlich ziemlich gefestigt. Kann sein, mich täuscht meine Wahrnehmung oder meine Einschätzung, aber bei manchen Leuten bringts schon einiges, wenn der Schalter (ums mal bissel automatisch oder automatisiert auszudrücken, obwohl ich nich denk, dass Menschen nur Maschinen d.h. Industriesklaven und -roboter sind, die in der Welt, im System zu funktionieren haben), d.h. dass der Schalter im Kopf nur umgekippt wird und die Selbstzerstörungskraft als Selbsterhaltungskraft aufgewandt wird, d.h. die Stärke dafür genommen wird. Mach ich bei mir selber zumindest dann und wann so. Mich nimmt sowas jedenfalls immer wieder total mit, wenn ich auf solche Selbstmorde mit der Nase gestoßen werd, in der Zeitung les usw. und ich mich frag, was genau ists, was bei Menschen, die sich selber ausm Weg räumen, so richtig falsch bzw. anders läuft.

Body&Brain, das mag zwar stimmen, was du sagst, dass jemanden mit aller Gewalt vom Springen bzw. sich selber zu töten, abzuhalten sich mit dem die Waage hält, jemanden umzubringen, d.h. in sofern Gewalt anzutun, ihm vom Leben abzuhalten, aber dass ich allen Ernstes daran glauben bzw. danach leben könnte so nach dem Motto:

"Niemand hat mich gefragt, ob und wann ich leben will, also hat mir auch niemand zu sagen, ob und wann ich zu sterben habe"

so ists derwegen auch nicht. Ich mein, vielen von den Selbstmördern fehlts an Eigenverantwortlichkeit, sich um sich und sein Wohlergehn zu kümmern, insofern wär das Mädel in fachmännischer Betreuung - zumindest für ne Zeitlang - schon ganz gut aufgehoben. Solche Leute sind im Grunde unmündig, hilflos wie Babys und Psychiatrie ist insofern nicht schlecht, wenn sie dort das Gefühl bekommt, dass es schön ist zu leben, schön dass es den Menschen gibt. Dass Leben nicht immer nur Friede, Freude, Eierkuchen ist, aber dass sich Probleme lösen lassen, ohne das Problem und sich selber oder nur sich selber und damit das Problem beiseite zu schaffen bzw. als Leiche beiseite schaffen zu lassen.

Ich will da jetzt auch nich umherspekulieren, dass es vielleicht nen ungewolltes, unerwünschtes Kind war, was jederzeit von den Eltern zu hören und zu spüren bekommen hat, dass es nicht gewollt bzw. unerwünscht gewesen ist, vielleicht hatte sie ja auch einfach nur Liebeskummer und ihr Blick für die eigne Zukunft war derart vernebelt, dass sie keinen andren Ausweg mehr gesehn hat als von ganz oben (dem Hochgefühl, was man manchen Leuten manchmal so entgegenbringt, oder was Gefühle für andre mit einem selber machen können), nur noch den Absprung für sich gesehen hat, weil sichs auf Wolke 7 meistens nich nen Leben lang zubringen lässt, wenn die Alltagssorgen kommen, oder ne andre Frau.

Das Schlimmste für mich ist: ich war da und ich konnte nichts machen. Und selbst wenn du das anders siehst oder ne andre Meinung dazu hast. Ich hätte es gerne zu verhindern gewusst, dass sie ihren Lebensweg von Oben nach Unten beendet als von A nach Z über die Zwischenstationen (wie der Zug) weiterzugehn.

Liebe Grüße
Annarhi

Verfasst: 11. Sep 2007 10:44
von Rall Schorrdas
Öh - fühlst Du Dich jetzt schuldig wegen einem Mädel, daß Du gar nicht kanntest?
Nimms mir nicht übel: Aber ein bißchen was an dicker Pelle muß man sich definitiv zulegen im Leben. Sonst bremst Du Dich einfach selber zu sehr aus. Und wenn Du meinst, was Gutes tun zu müssen, dann hilf den Leuten in Deiner Umgebung.
So hart es auch klingt: Dieses Mädel ist und bleibt für mich Statistik. Ein paar Menschen sterben im Jahr eben durch Selbstmord. Wenn Du sie kennst, dann kannst Du Dir immer noch Gedanken darüber machen, ob Du persönlich irgendwas falsch gemacht hast und ihren Tod hättest verhindern können. Und dann aber auch bitte die entsprechenden Schlüsse ziehen und bei anderen Leuten in der Zukunft vielleicht besser reagieren.

Pampe,

Rall

Verfasst: 11. Sep 2007 16:14
von Annari
Nee, tut mir leid, das geht echt auf keine Kuhhaut. Ich mein, wenn sowieso schon eins zum andren kommt und dann auch noch jemand von der Brücke springt, dann steh ich der Situation des Mädchens nich gleichgültig gegenüber. Is zwar nich so, dass jemand an meinem Balkon vorbeigesegelt wäre wie nen von der Luftabwehr von Erden aus abgeschossner Zeppelin :D Aber als diejenige welche ich nen Umweg dafür in Kauf nehmen musste, sogar indirekt betroffen.

Sicher mags stimmen, dass ich das Mädel nich kannte, genauso wie all die Leute andrer Schreckensmeldungen im Radio, TV, weiß der Geier wo, aber wenn ich dichter dran gewesen wär, dann hätt ichs vielleicht verhindern können. Ich hab deswegen kein schlechtes Gewissen, ich fühl mich auch nich schuldig, aber ne gewisse Teilverantwortung und wenns ne Hilfeleistung bzw. -stellung ist (nich beim Springen, bei der Zurückhaltung), hätt ich schon gegeben. Nich weil mir bei unterlassner Hilfeleistung ne Strafe drohen würde, sondern weil ich mich menschlich von mir aus gesehn, dazu verpflichtet gefühlt hätte.

Wenns jemand gewesen wäre, den ich gekannt und gehasst hätte, hätt ich viiiiiielllllleicht (aber nur vielleicht!) nen Tick drüber nachgedacht, die Person in ihr Verderben, Unglück, ins offne Messer laufen, ohne Gummiseil von der Brücke sprinigen lassen, aber dadurch, dass ich das Mädel eben nicht kannte, oder etwas allgemeiner: wenn man die Person nich kennt, dann urteilt man weniger, ob sies bzw. die Nachkommen den (menschlichen) Verlust verdient hätte, obs gerecht wäre, sie sterben zu lassen. Denn eins von beiden trifft ja meistens zu, wenn Leute vom Tod Unbekannter erfahren. Entweder sie sind gleichgültig (obwohl sie's selber sein könnten) oder denken, mach du man, ist ja deine Entscheidung. Sicherlich ists ihre Entscheidung gewesen zu springen und ich insofern nich schuld dran bzw. alleine dafür verantwortlich, dass ich die schwere Last auf mich nehmen müsste (was geht mich fremdes Leid an?)

Die Frage ist bloß, wie klar sie im Kopf war, als sie den letzten Schritt getan hat, d.h. wie tatsächlich "entscheidungsfähig" war sie. Ihr Kopf war sicherlich mit all möglichen Dingen, Menschen, Situationen voll, nur nich mit sich selber, hat sich vielleicht in die Ecke gedrängt, an die Wand gestellt gefühlt von ihrer Umwelt und was da auch los gewesen sein mag, so dass ihr der Sprung von der Brücken als der einzig "freie Weg" vorkam, freie Bahn zu haben, ohne Hindernisse, ohne Steine, die einen in den Weg gelegt werden.

Naja vielleicht auch nich. Will ich mich jetz auch nich reinsteigern.

Mir ists jedenfalls nicht egal gewesen. Macht mich traurig sowas. Und ich fühl mich in gewissen Maße verantwortlich für das, was ich nicht tue. Ist halt ne Ermessensfrage. Da konnt ich halt nix machen und das ärgert mich irgendwie auch.

Liebe Grüße
Annarhi

Verfasst: 11. Sep 2007 19:11
von Body & Brain
gelöscht!

Verfasst: 11. Sep 2007 20:51
von Annari
Body & Brain, was du ansprichst, klingt nach nem alten Spontispruch, den ich früher mal in so nem Heftel hatte. "Tun wir was gegen die Überbevölkerung und bringen uns alle um." Böse, böse. *kicher* Gesamtökologisch vorteilhaft könnte mans natürlich auch nennen. Aber so ist der Selbstmord eben wie Rall schon angedeutet hat, nur aus der Statistischen Sicht bewertet, ohne jegliche Ethik oder menschliches Gefühl. Ne Zahl, ne Nummer wie die Leute bei der ARGE und das ist eigentlich auch nich in dem Sinne von dem Mädchen oder der Hinterbliebenen. Die Leute, die den Eltern bzw. Verwandten die Hiobsbotschaft überbringen müssen, sind auch nich zu beneiden, wobei man da wieder nich weiß, wie's aufgenommen wird.

Kann ja sein, dass es für die tatsächlich kein (menschlicher) Verlust ist und die "Ist vielleicht besser so..." Leier kommt, wie mans oft zu hören kriegt, wenn Leute sterben, die schon ziemlich alt oder von ner schweren Krankheit heimgesucht wurden. Ich mag um die Zeit jetz nich mehr näher drauf eingehn, dass mich der Spruch massiv annervt, weil solche Leute meistens nich zu entscheiden haben, was für andre besser oder schlechter wäre (zumal die Tote nicht mehr zu befragen ist, außer durch ne Geisterbeschwörung - Zerb nebenher die Ohren zuhalt :g: -)

Aber Selbstmord beschönigend als Freitod zu bezeichnen, find ich auch unangemessen, vorschnell und ungenau. Selbstmord ist Selbstötung und zumindest den körperlichen Funktionen, die unwillkürlich passieren wie Atmung, Herzschlag usw., d.h. bei denens noch nicht an der Zeit zum Sterben war, wurde un-bedingte Gewalt angetan.

D.h. es ist nicht frei - willig passiert.

Liebe Grüße
Annarhi

Verfasst: 12. Sep 2007 12:11
von Rall Schorrdas
Verstehe schon, was Du meinst.
Und sicherlich ist es sehr löblich von Dir, Dich in andere Leute hineinversetzen und ihre Motive verstehen zu wollen. Zumal in so einem Fall.
Ich frage mich eben nur auch, ob es hilft.

:troest

Rall

Verfasst: 16. Sep 2007 09:55
von Annari
Naja, jetzt hilfts bzw. nutzts sowieso nich mehr. Das Mädel is ja schon Matsch unter der Erde. Aber für die Zukunft, präventiv sozusagen, ists sicherlich nich schädlich, sich darüber Gedanken zu machen. Außerdem hat das nix mit Lob, Löblich- oder Redlichkeit zu tun.

Ich versetz mich auch nich in andre Leute rein (wie soll das gehn? Zwei Herzen ach schlagen in des Betreffenden Brust - das wär mir ar wing eng und mein Körper wär indess ne leere, hohle Hülle, hirn- und geistlos? Also NEE RALL!) Ich denk drüber nach. Das is von der Vorstellung her ar bisserl anders.

LG
Anna ohne Rhi