EXORZISMUS - Warum ein Baby einen Hund heiraten musste
Verfasst: 7. Mär 2006 19:46
EXORZISMUS
Warum ein Baby einen Hund heiraten musste
Wenige Monate nach der Geburt ihrer Tochter bemerkt ein indisches Ehepaar, dass mit der kleinen Disha etwas nicht stimmt:
Ein einzelner spitzer Zahn ragt aus ihrem Mund.
Ein Dämon hat Besitz von dem Kind ergriffen, glaubt die Familie - und verheiratet das Baby mit einem Hund.
Das Phänomen Dentes praecox oder, im vorgeburtlichen Fall, Dentes praenatales, sagt die Professorin Ursula Platzer, Direktorin der Hamburger Poliklinik für Zahnmedizin, komme bei etwa ein bis eineinhalb Prozent aller Säuglinge vor - es sei genetisch bedingt und "in keinster Weise besorgniserregend". Die Männer der Banopadhya-Familie sahen es anders: Ein schwarzer Dämon war in das Kind eingedrungen und hatte diese Abweichung verursacht, wahrscheinlich derselbe Dämon, der auch schon Onkel Vimal mit der Gelbsucht bestraft hatte und nun die ganze Familie gefährdete. Sie mussten diesen Dämon loswerden.
Und so kam der Hund ins Spiel: als Bräutigam.
Die Zeremonie fand am 6. Juni 2005 statt, im Haus der Banopadhyas. Das halbe Dorf war eingeladen, mehr als 200 Gäste, es gab Reis, Gemüse, Linsen, Chickencurry, die Feier, erzählt Kamalendu, kostete über 300 Euro.
Der Ehemann musste leider draußen bleiben. Anfangs jedenfalls. Kamalendu hatte dem Hund die Schnauze verschnürt und ihn an einen Pfosten gebunden. Es war der erstbeste Dorfköter, den Kamalendu sich geschnappt hatte, klein und gelb; wichtig war allein, dass es ihn gab. Nach dem Essen wurde das Tier geholt. Man legte dem Hund sowie der kleinen Disha Blumenketten um, murmelte Segenssprüche, erklärte die beiden zu Mann und Frau - und nun würde der Dämon, blind vor zerstörerischem Eifer, von der Ehefrau in den Ehemann eindringen. Denn diese Art von Dämonen ist dumm und unfähig, Mensch und Tier zu unterscheiden. Anschließend mussten sie nur noch den Hund davonjagen, und damit war der böse Geist fort, überlistet, alles ausgestanden.
Und so machten sie's. Doch irgendwie erfuhren Journalisten von der Hochzeit. Zunächst waren es nur kleinere Zeitungen, die berichteten, bald griffen größere Blätter, die Nachrichtenagentur IANS und Fernsehsender den Fall auf, und der tadelnde Unterton verschärfte sich. Man rügte die Rückständigkeit der dem Hokuspokus erlegenen Dorfbewohner, man fragte sich, wie man einem unschuldigen Kind etwas derart Gruseliges antun könne, man forderte Verbote gegen Exorzismus, die Polizei wurde eingeschaltet, der Fall zum Symbol für ein Indien von gestern - und die Banopadhyas fühlten sich verfolgt.
Man muss inzwischen Geduld mitbringen, wenn man mit der Familie sprechen will. Journalisten, Kamerateams, Kinderschutzbeauftragte, Polizisten - auf solche Besucher reagieren die Banopadhyas mittlerweile allergisch. Sie begreifen die Aufregung nicht: Sie haben mit einer klugen List ihr Kind gerettet, was gibt es da zu mäkeln? Ist das die Rache des Dämonen? Es ist wie ein Fluch, der sie nicht loslässt, aber diesmal der Fluch der zwei Welten, die aufeinander prallen.
Quelle: [url]undefined://www.spiegel.de[/url]
Warum ein Baby einen Hund heiraten musste
Wenige Monate nach der Geburt ihrer Tochter bemerkt ein indisches Ehepaar, dass mit der kleinen Disha etwas nicht stimmt:
Ein einzelner spitzer Zahn ragt aus ihrem Mund.
Ein Dämon hat Besitz von dem Kind ergriffen, glaubt die Familie - und verheiratet das Baby mit einem Hund.
Das Phänomen Dentes praecox oder, im vorgeburtlichen Fall, Dentes praenatales, sagt die Professorin Ursula Platzer, Direktorin der Hamburger Poliklinik für Zahnmedizin, komme bei etwa ein bis eineinhalb Prozent aller Säuglinge vor - es sei genetisch bedingt und "in keinster Weise besorgniserregend". Die Männer der Banopadhya-Familie sahen es anders: Ein schwarzer Dämon war in das Kind eingedrungen und hatte diese Abweichung verursacht, wahrscheinlich derselbe Dämon, der auch schon Onkel Vimal mit der Gelbsucht bestraft hatte und nun die ganze Familie gefährdete. Sie mussten diesen Dämon loswerden.
Und so kam der Hund ins Spiel: als Bräutigam.
Die Zeremonie fand am 6. Juni 2005 statt, im Haus der Banopadhyas. Das halbe Dorf war eingeladen, mehr als 200 Gäste, es gab Reis, Gemüse, Linsen, Chickencurry, die Feier, erzählt Kamalendu, kostete über 300 Euro.
Der Ehemann musste leider draußen bleiben. Anfangs jedenfalls. Kamalendu hatte dem Hund die Schnauze verschnürt und ihn an einen Pfosten gebunden. Es war der erstbeste Dorfköter, den Kamalendu sich geschnappt hatte, klein und gelb; wichtig war allein, dass es ihn gab. Nach dem Essen wurde das Tier geholt. Man legte dem Hund sowie der kleinen Disha Blumenketten um, murmelte Segenssprüche, erklärte die beiden zu Mann und Frau - und nun würde der Dämon, blind vor zerstörerischem Eifer, von der Ehefrau in den Ehemann eindringen. Denn diese Art von Dämonen ist dumm und unfähig, Mensch und Tier zu unterscheiden. Anschließend mussten sie nur noch den Hund davonjagen, und damit war der böse Geist fort, überlistet, alles ausgestanden.
Und so machten sie's. Doch irgendwie erfuhren Journalisten von der Hochzeit. Zunächst waren es nur kleinere Zeitungen, die berichteten, bald griffen größere Blätter, die Nachrichtenagentur IANS und Fernsehsender den Fall auf, und der tadelnde Unterton verschärfte sich. Man rügte die Rückständigkeit der dem Hokuspokus erlegenen Dorfbewohner, man fragte sich, wie man einem unschuldigen Kind etwas derart Gruseliges antun könne, man forderte Verbote gegen Exorzismus, die Polizei wurde eingeschaltet, der Fall zum Symbol für ein Indien von gestern - und die Banopadhyas fühlten sich verfolgt.
Man muss inzwischen Geduld mitbringen, wenn man mit der Familie sprechen will. Journalisten, Kamerateams, Kinderschutzbeauftragte, Polizisten - auf solche Besucher reagieren die Banopadhyas mittlerweile allergisch. Sie begreifen die Aufregung nicht: Sie haben mit einer klugen List ihr Kind gerettet, was gibt es da zu mäkeln? Ist das die Rache des Dämonen? Es ist wie ein Fluch, der sie nicht loslässt, aber diesmal der Fluch der zwei Welten, die aufeinander prallen.
Quelle: [url]undefined://www.spiegel.de[/url]